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Reiseberichte
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Von Wegwarte, Zichorie und
Chicorée Chicorée-Kultur im Herzen Belgiens
An sonnigen Wegrändern gedeiht bei uns in Mitteleuropa die Wegwarte. In den Sommermonaten
Juli und August blüht sie hellblau.
Aus dieser Pflanze hat der Mensch schon vor Jahrhunderten eine Kulturform mit möhrenförmiger
Wurzel gezüchtet, die an das Vieh verfüttert wurde.
Als zu Beginn des 18. Jhdt.s die Eignung dieser Wurzelzichorie zur Herstellung eines
Kaffeeersatzes (Zichorienkaffee) erkannt wurde, ließ der preußische König den feldmäßigen
Zichorienanbau anordnen.
Zur Herstellung von Zichorienkaffee müssen die Wurzeln nach der Ernte getrocknet, geröstet und
dann gemahlen werden (aus dem frz. für mocca faux ist der Begriff Muckefuck bei uns entstanden).
Eine Weiterentwicklung hin zum löslichen Ersatzkaffeegetränk kam nach dem Krieg als
Caro-Kaffee auf den Markt.
Wie es nun zur Entstehung des Chicoreé mit seinen kompakten, bleichen Sprossen gekommen ist, kann
man nicht mehr genau zurückverfolgen. Eine Vermutung lautet folgendermaßen: Bauern im Raum Brüssel
haben in der Zeit der Kontinentalsperre Napoleons verstärkt Zichorien angebaut. In den Wintermonaten
lagerten sie die Zichorienwurzeln in großen Haufen. Die Wurzeln bildeten lange, weißlichgelbe Schosse
aus und eher zufällig bemerkte jemand, dass diese auch ein schmackhaftes Gemüse darstellten.
Danach setzte eine gezielte Züchtung ein, um die für diesen Zweck geeignetsten Typen zu erhalten.
Es entstand die Salatzichorie.
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Das Hauptanbaugebiet für Chicorée in Belgien befindet sich im Herzen des Landes, in Flämisch-Brabant.
Bedeutende Städte in der Nähe sind Löwen, Mecheln und Brüssel.
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Löwen war im Mittelalter ein Zentrum der blühenden flandrischen Tuchweberei und mit
100.000 Einwohnern eine der größten Städte Europas. Hier klapperten bis zu 2500 Webstühle.
Das Rathaus mit seinem üppigen Figurenschmuck zeugt noch heute von der Größe und
Macht, die Löwen einst mit der Tuchweberei erlangt hatte.
Das historische Zentrum von Mecheln beeindruckt durch ein wunderschönes Ensemble
klassizistischer Zunfthäuser.
In der Stadt wurde Kaiser Karl V zum Herrscher proklamiert und sein Name ist heute
noch überall in der Stadt präsent. Sogar die ortsansässige Brauerei heißt nach ihm: Gouden
Carolus.
Brüssel - in Cafés mit viel Glas, dunklem Holz und gutem Kaffee kann man französische
Lebensart genießen; in dieser Stadt gab es das erste Pralinengeschäft der Welt.
Pflanzenfreunde sollten Ende April in die Stadt kommen und die Königlichen
Gewächshäuser von Laeken besuchen. Hier hat Prinz Leopold II. die größte Blumenstadt
Europas bauen lassen und verfügt, dass diese jedes Jahr im Frühling für die
Öffentlichkeit geöffnet wird. In den Abendstunden sind die Häuser beleuchtet und man
kann auf etwa 1 km Wegen durch eine prächtig herausgeputzte Blumenlandschaft wandern.

Rathausfassade in Löwen
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Inmitten dieser landwirtschaftlich geprägten Region liegt ein kleines Dorf namens Kampenhout.
Hier hat der belgische Anbauverband dem Chicorée mit dem wahrscheinlich einzigen
Chicoreémuseum in der Welt ein Denkmal gesetzt. In vielen Regionen des Landes haben Köche
eigene Chicoréerezepte erdacht und sogar Marmelade und Schnaps wird aus der Pflanze
hergestellt.
Sehr detailgetreue Aufbauten sollen den Besucher zudem über die Anzucht des Gemüses in
früheren Zeiten und heute informieren. Eine Szene beschreibt, wie die Wurzeln zum Treiben
in ein Erdbeet gesteckt und mit Kartoffelsäcken so abgedeckt werden, dass kein Licht an
die Sprosse gelangen kann.

Landschaft um Kampenhout
Heutzutage wird Chicoreé im Mai, wenn keine Kälteperioden mehr zu erwarten sind, gesät.
Da er zunächst recht langsam wächst, sind auf dem Acker zahlreiche Pflegegänge nötig,
um z.B. Unkraut zu beseitigen. Im Herbst hat er dann oberirdisch eine große Anzahl
rosettenförmig wachsender Blätter gebildet und unterirdisch eine 15-20 cm lange
Wurzel.
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Bei der Ernte etwa im November werden in einem Arbeitsgang die Blätter von
den Wurzeln abgetrennt und die Wurzeln gerodet. Diese können anschließend bei niedrigen
Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit über Monate eingelagert werden, bevor sie dann
in einem weiteren Arbeitsgang angetrieben werden (Erklärung s.u.).
So hat der Gemüsebauer in der Winterzeit, in der das Angebot an Gemüse aus heimischer
Produktion nicht groß ist, ein attraktives Produkt. Aus diesem Grund wurde Chicoreé
schon sehr früh im biologischen Gemüsebau angebaut.
Auch für den umweltbewussten Verbraucher ist Chicorée ein ideales Wintergemüse. Als
regionales und saisongerechtes Produkt ist seine Umweltbilanz gut. Chicorée kann
mit 1/20 des Energieaufwandes von z.B. Kopfsalat produziert werden.
Um möglichst bleiche, also weißlich-gelbe Chicoreésprosse zu ernten, sind einige
grundsätzliche Rahmenbedingungen zu beachten und - hier gehen auch die Meinungen
der Chicoreéanbauer auseinander - es gibt 2 Treibverfahren, um aus den Wurzeln die
bitter-süßen Sprosse zu produzieren:
Beim ältesten Verfahren werden die Wurzeln aufrechtstehend in einer Art Miete
z.B. in einem Schuppen oder Gewächshaus eingeschlagen und mit sandigem Boden
ca. 15 cm hoch abgedeckt.
Beim modernen und weniger arbeitsaufwendigen Treibverfahren kommen die Wurzeln
dicht an dicht stehend in große Kunststoffkisten und diese zur Treiberei in
wassergefüllte Becken im Gewächshaus.
Wenn nun die Sprosse zu wachsen beginnen, ist es unbedingt erforderlich, dass die
Sprossen bei der Produktion, beim Transport und Handel, und auch bei uns Konsumenten
absolut dunkel gelagert werden. Wenige Stunden Lichteinfall genügen, um aus den
bleichen Blättern grüne Blätter entstehen zu lassen. Und dann ist aus
dem bitter-süßen Gemüse ein bitteres und ungenießbares Kraut geworden, das im Geschmack
an Löwenzahnblätter erinnert!
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Die Traditionalisten unter den Bauern (diejenigen, die den Chicoreé in Erdkulturen,
flämisch=volle grond, kultivieren) schwören übrigens auf die festeren, kompakten
Chicoreéköpfe, die zudem von weißer Farbe sind und garantiert nicht bitter schmecken.

Chicoréemotiv auf der Museumstoilette
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Von der Qualität des belgischen Chicoreé kann man sich im Restaurant gleich neben
dem Museum in Kampenhout überzeugen.
Auf der Speisekarte gibt es von der Suppe bis zum Dessert kein Gericht ohne das
Nationalgemüse, das im flämischen Witloof (Weißlaub) heißt.
Ich empfehle einen Salat mit Chicoreé und Orangen. Dazu den C. und Orangen
kleinschneiden und ein Dressing aus Zitronensaft, Öl, Salz und Pfeffer und saurer
Sahne bereiten.
Oder als Gemüsebeilage zu Wild ein Chicoreégratin. Dazu zerlässt man reichlich
Butter in einer Gratinform, gibt dünne Scheiben Räucherspeck dazu, legt die
halbierten Chicoreés hinein und lässt sie etwas anbraten.
Anschließend gibt man die Form mit Alufolie abgedeckt für 30-45 min. in den Backofen.
Lassen Sie es sich nach der Devise des flandrischen Anbauverbandes schmecken:
Lekker en gezond
Witloof uit volle grond
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Informationen
Auskunft: www.flandern.com und
toerisme.vlaamsbrabant.be
Speisen: Veilinghof, neben dem Chicoréemuseum;
www.veilinghof.be
Kultur: Chicoréemuseum in Kampenhout;
www.kampenhout.be
Infos zu den flandrischen Städten gibt es auch beim Autor unter
E-Mail: jpaland@t-online.de
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